gerhild kröger-hachmeister
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texte zur kunst

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„Die Kraft der ABSTRAKTEN KUNST besteht darin, dass sie der Normierung und Zurichtung des Subjekts in der Industriegesellschaft Bilder entgegensetzt, die die Assoziationsfähigkeit des Individuums stärken oder ihm im Wirbel der Ereignisse und der Anspannungen des Reizstromes Orte meditativer Ruhe und Entlastung bieten. Was die Industriegesellschaft an Eindeutigkeiten verlangt, verweigert die abstrakte Kunst. Was jene dem Individuum nimmt, gibt diese ihm wieder zurück; Freiheit.“

Olav Münzberg im KUNSTBLATT Nr. 54 / 1987.


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„Ziel der Kunst ist es, ein Empfinden des Gegenstandes zu vermitteln, als Sehen und nicht als Wiedererkennen; das Verfahren der Kunst ist das Verfahren der Verfremdung der Dinge und das Verfahren der erschwerten Form, ein Verfahren, das die Schwierigkeit und Länge der Wahrnehmung steigert, denn der Wahrnehmungsprozess ist in der Kunst Selbstzweck und muss verlängert werden; die Kunst ist ein Mittel, das Machen einer Sache zu erleben; das Gemachte hingegen ist in der Kunst unwichtig.“

Sklovskij, Viktor, Die Kunst als Verfahren, 1916,
in: Striedter, Jurij (Hg.), Texte der russischen Formalisten, Bd. 1. Texte zur allgemeinen Literaturtheorie und zur Theorie der Prosa, München 1969.


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SYN - MANIFEST:
„Was ist komplexe Malerei“
Von Klaus Jürgen-Fischer, 1963

1. SYN ist eine offene Gruppe und Teil einer internationalen Bemühung. Sie ist offen für Veränderung und Erweiterung ihrer persönlichen Zusammensetzung und ihrer künstlerischen Problematik. Durch diese Offenheit unterscheidet sie sich von solchen Gruppen, die sich einer fixen Idee und einem personalen oder kollektiven Status verschrieben haben.

2. SYN verfolgt eine gezielte Offenheit ohne einseitige Radikalismen, aber auch ohne vielseitige Beliebtheit.

3. SYN betont den Vorrang der Kunst (die ungreifbar, aber nicht nebulös ist) gegenüber der konkreten Produktform und einer physikalischen Ästhetik, die an der Kunst nur Daten wahrnimmt und verarbeitet.

4. SYN bevorzugt die autonome Malerei und Plastik als die reinsten Betätigungen bildnerischer Fantasie und Intelligenz gegenüber Konsum-, Staffage- und Showkunst.

5. SYN wendet sich nicht an den auf Unterhaltung oder Belehrung bedachten populären Verstand, sondern an ein entwickeltes kontemplatives Bewußtsein.

6. SYN räumt den reinen Form- und Farbmitteln eine hinweisende aber nicht festlegbare Bedeutung ein. Die abstrakte Form verweist auf Lebenserscheinungen und -zusammenhänge und kann sie repräsentieren. Verwandtschaften der abstrakten Farbform zu bestimmten Erscheinungsbildern bis zu gegenständlicher Verdeutlichung sind als visuelles Reizmittel möglich, aber untergeordnet. Übergeordnet ist der Hinweis der Farbform auf Grundprinzipien, die den Aufbau des organischen und intelligiblen Lebens bestimmen. Dieser Aufbau ist gemäß künstlerischer und alltäglicher Erfahrung, gemäß geschichtlicher, natur- und geistesgeschichtlicher Einsichten durch Gegensätze bestimmt. Der unübersehbaren Vielzahl von Differenzen liegt ein Grundkonflikt zugrunde, den man mit dem Begriffspaar - Formalisation und Deformalisation - umschreiben könnte. Dieser Grundgegensatz ist nicht zu beheben. Er läßt sich nur vorübergehend durch gewaltsame Entscheidungen für die eine Seite zu ungunsten der anderen verdecken. In der Kunst- und Geistesgeschichte haben diese Gegensätze ständig miteinander gerungen, wobei sie sich gegenseitig in der Herrschaft ablösen, statt sich in ihr zu teilen. Perioden klassischer Kunst versuchten die Gegensätze aufzuheben, indem sie sie miteinander verschmolzen. Damit aber wurde das Spannungsfeld zwischen ihnen neutralisiert.

7.  SYN bemüht sich um ein verändertes Gleichgewicht zwischen den grundsätzlichen Gegensätzen durch ihre Polarisierung und Konfrontation. Durch einen Vorsprung der Formalisation gegenüber der Deformalisation, die jedoch nicht verdrängt wird, finden teilweise Vermittlungen statt, die die Grundspannung bewahren.

8. SYN widerspricht damit der traditionellen Einheitlichkeit des Bildes (da wir in keiner homogenen Welt leben: Der organisch gebildete Mensch wird zum Partner mechanischer Apparaturen, Betonklötze stehen visuell unvermittelt in der Natur, unkontrolliertes Leben spielt sich im festen Rahmen von Zeit- und Arbeitsplänen ab, etc.). Das konstruktive Miteinander von Gegensätzen, die in ihrer Eigentümlichkeit bewahrt werden, führt im Sinne der Integration zu einer konfrontativen Einheit.

9. SYN operiert mit den verschiedensten Kontrastmitteln nicht in unterschiedslosen Vermengungen, sondern in methodisch genauen Schritten:

a) Konstruktion gegen Gestik und Skriptur,

b) leere gegen gefüllte Fläche,

c) organische gegen anorganische,

d) scharfe gegen unscharfe Formen,

e) Figuration gegen Nichtfiguration

f) Monochromie gegen Polychromie

g) Makro- gegen Mikrostruktur u.a.

10. SYN beansprucht nicht, solche (stets uralten) bildnerischen Mittel erfunden zu haben, jedoch eine neue Weise des polaren Sehens einzuführen.

11. SYN sucht eine neue Einfachheit, die zugleich komplex ist....

12. SYN entnimmt die Malerei nicht der Theorie, sondern die Theorie der Malerei.....

Jürgen-Fischer, Klaus, SYN (1 & 2), Internationale Beiträge zur neuen Kunst. International contribution to the New Art, Baden-Baden, 1965.

Link: Artnet zur Gruppe Syn (in english)


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Ausgewählte Tagebuchnotizen  (1987- 2006)

Gerhild Kröger-Hachmeister

Jedes Bild ist, je ungegenständlicher es ist, zu Beginn wie ein Sprung ins kalte Wasser, denn alles muß erfunden werden: die erste Farbe, die erste Form, die auf die Fläche gesetzt wird, ist schon eine Festlegung, die abhängig macht und verpflichtend ist für die weiteren Bildteile. Es entstehen Wirkungen in Komposition und Farbe, die unvorhersehbar waren. Von Plänen, die man unvorsichtigerweise hatte, ist abzukommen, um flexibel anderem zu folgen, immer schwankend zwischen Freude und Missmut.

Der Grad von Missmut und Freude bei einem, der die Natur malt, - Porträt, Stillleben und Landschaft - bezieht sich auf die mehr oder weniger gelungene Nachahmung. Weicht er von dem ab, was er sieht, so begibt er sich auf das schwankende, aber so spannende Gebiet der Erfindung. Er hat ein bisschen Freiheit gewonnen, verläßt aber nicht das Geländer, das die Naturnachahmung ihm bietet.

Zwischen der Natur und der Abstraktion gibt es den Bereich der Gegenständlichkeit, der festen Körper und der schwebenden, "flüchtigen", sich bewegenden Körper. Sie lassen sich nicht genau benennen. Sie sind trotzdem da und haben ein eigenes Leben.


Meine Darstellungsweise ist vielleicht ein ATMOSPHÄRISCHER GEOMETRISMUS.

Ich strebe immer Flächen an, die an das Gläsern-transparente von farbigem Porzellan erinnern. Flächen, die reliefartig durch die verschiedenen Farben wirken, erscheinen unverhofft, wenn ich mehrere Bildversuche übereinandersetze, sie mit Terpentin und Lappen wieder verwische und vermische. Aus dieser Synthese erscheint dann plötzlich hier und da unter der Oberfläche das Bild, das ich "gesucht" habe.

Ich muß Bildteile verändern oder Übermalen, auch wenn sie gut sind, wenn Tier- oder Menschenähnliches auftaucht. Es brauchen nur zwei Flecke in relativer Nähe zueinander zu liegen, so sind es Augen, nicht zu übersehen, störend, weil extrem bedeutungsvoll.

Ich weiß nie, wohin es mich verschlägt. Die Serie ist nicht möglich. Etwas Gelungenes ist nicht wiederholbar, vorausdenken nicht möglich. Vage denke ich an Dreieck, Quadrat, Diagonale, Oben und Unten, Rechts und Links: die menschlichen Grundorientierungen...

Ich sehe folgendes: da ist etwas Bergendes, es umschließt und grenzt ab, steht aber nie auf seiner Bodenlinie fest. Dort ist eher Wasser=Bewegung, Labilität, wenn man so will. Mauern sind nicht genau senkrecht angelegt. Alles ist durchlässig, von außen und innen wirken Kräfte ein. Das Dreieck hält sich im Gleichgewicht, dabei bewegt schwingend. Das Fenster als Verschluss oder Öfnung verschiebt sich nach draußen. Auch Mauern verschieben oder verdoppeln sich.

Ich erzeuge Chaos und ordne das Chaos. Gelingt es nicht, sind diese Bilder wie "Ungeliebte Kinder", die pathetisch gesprochen, Schmerzen verursachen, aber Lehrmeister sind.

Eine Kunst, die nicht ablesbar Wiedererkennbares beinhaltet, ist zu entschlüsseln, ist eine psychogrammatische Schau, die nicht in seiner handwerklichen Präzision, seiner Abbildung des Sichtbaren vom Betrachter bewundert werden kann - Wasser, Wolken, Gesichtszüge usw. Nein, dieses künstlerische Psychogramm legt in peinvoller Offenheit dar, wie der Maler eingebunden ist in seine eigene Geschichte und in die des Landes, in dem er lebt.
Wenn nicht Landschaften, Personen, Häuser u.s.w., was materialisiert sich denn dann? Linien, Flächen in allergrößter Variabilität. Und so auch die Farben "CRU" sozusagen. Alle Formen und Farben, wie und wo sie auch immer "niedergekommen" sind - es ist des Malers CODE und der seiner Welt.

Ungegenständliche Malerei=

Introversionen und -visionen /
Indoormanifestationen mit Outdoorfußangeln(gegenständliche Assoziationen)

Sie kann zu Beliebigkeit --- zuHäßlichkeit --- zu reiner Schönheit --- zu sich wiederholender Ödnis verkommen. Sie materialisiert sich zwischen Außen- und Innenwelt. Der Betrachter tritt durch die Bildtür und vervollständigt es. Diese Kunst ist nicht pädagogisch, sie "kriegt nicht rum", ist nicht weltanschaulich, sondern Welt-Innenschau. Wer sie trifft, trifft immer auch sich!

GEGENSTÄNDLICHE MALEREI IST DAS HANDWERKLICHE ÜBUNGSFELD FÜR DIE HOHE SCHULE DER UNGEGENSTÄNDLICHEN MALEREI .


Fortsetzung folgt.